HILLIARD ENSEMBLE 02/05




"MORIMUR"

Samstag, 12. Februar 2005
20 Uhr - St. Maria im Kapitol


CHRISTOPH POPPEN
THE HILLIARD ENSEMBLE

JOHANN SEBASTIAN BACH: Partita d-Moll BWV 1004 für Violine solo
Choräle

Ausführende:
Christoph Poppen (Violine), The Hilliard-Ensemble (Monika Mauch, Sopran; David James, Countertenor; Steven Harrold, Tenor; Gordon Jones, Bariton)

Mitschnitt auf WDR 3 am 24. März 2005 um 20.05 Uhr



Kurzeinführung

The Hilliard Ensemble „Morimur“

„Morimur“ – unter diesem Titel erklang die in dieser Form bislang „ungehörte“ Partita in d-Moll BWV 1004 für Solovioline von J.S. Bach – erkundet die codierten Mitteilungen dieser eigentlich rein instrumentalen Komposition, macht eine geheime Sprache hörbar und gibt zudem Einblick in Bachs aufgewühltes Seelenleben: Nach dem überraschenden Tod seiner Frau Barbara habe der gebürtige Eisenacher hierin ein „klingendes Epitaph“ für die 1720 Verstorbene errichtet, wie Helga Thoene jene finale Ciaccona der Partita deutet, in der neben vielen symbolischen Zahlenkombinationen auch verborgene Choralzitate z.B. aus „Christ lag in Todesbanden“, „Jesu meine Freude“, „Auf meinen lieben Gott“ und „Dein Will gescheh’, Herr Gott, zugleich“ aufzuspüren sind. Der Geiger Christoph Poppen und das Hilliard Ensemble haben mit „Morimur“ ein Projekt realisiert, das die kunstvolle Verschränkung des harmonisch komplexen Violinparts mit den Choralstrophen sinnlich erfahrbar werden lässt, wenn die Singstimmen parallel zum Soloinstrument die einzelnen Liedzeilen intonieren. Was Worte und Notenschrift auf dem Papier nur analytisch darzustellen vermögen, hier wird es physisch erlebbar.



Presse-Echo

"Der Tod der Ehefrau"
Musikalische Forschung mit Christoph Poppen und dem Hilliard Ensemble
Ein ungewöhnliches Bach-Konzert in der Kölner Kirche St. Maria im Kapitol

[Markus Schwering] - Das muss man sich mal vorstellen: Im Jahre 1720 unternimmt Johann Sebastian Bach mit seinem damaligen Dienstherrn, dem Fürst von Anhalt-Köthen, eine Reise. Als er zurückkommt, ist seine erste Frau Barbara - als er sie verlassen hat, war sie putzmunter - nicht nur tot, sondern bereits begraben. Steht die berühmte Ciaconna am Ende der d-Moll-Partita für Violine solo, eine der tiefsinnigsten und auch heute noch erschütternden Kompositionen des "mittleren" Bach, in einer Beziehung zu diesem Ereignis?

Die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene hat es behauptet und die Chaconne - 34 Variationen über einer unveränderten Bassfigur - als klingendes Grabmal für Maria Barbara Bach interpretiert. Ihre Beobachtung: Sozusagen als unhörbarer Subtext klingen im Gefüge des Werkes Zitate, ja ganze Zeilen aus bekannten Chorälen mit, deren Texte um das Thema "Tod und Auferstehung" kreisen. Wenn es sich so verhielte, wäre damit ein neues Blatt in er uralten Debatte "Bach - weltlich oder giestlich?" aufgeschlagen. Der Nachweis verborgener Theologie selbst in einer auf den ersten Blick völlig säkularen Komposition wie einer Violin-Partita gäbe zweifellos der Auffassung Bachs als des "fünften Evangelisten" neue Nahrung.

Das Ergebnis von Thoenes Bemühungen war am Wochenende in einem von Kölner Bach-Verein und WDR in Sankt Maria im Kapitol anberaumten Konzert mit dem fastenzeitlich angemessenen Titel "Morimur" (Wir sterben) zu vernehmen. Der Geiger Christoph Poppen spielte zunächst die komplette d-moll Parita BWV 1004. Zwischen den einzelnen Sätzen sang das solistisch besetzte Hilliard-Ensemble (Monika Mauch, David James, Steven Harrold, Gordon Jones) Choralzeilen oder auch kompletten Choräle, die angeblich besagten Subtext der jeweiligen Stücke ausmachen. Anschließend erklangen hintereinander die für die Chaconne maßgeblichen Choräle - von "Christ lag in Todesbanden" bis "Befiel du deine Wege", "Jesu meine Freude" und "In meines Herzens Grunde". Dann der Schlussstein des Gewölbes: Poppen spielte noch einmal die Chaconne, in die die Vokalisten direkt die Choralzitate sangen.

Rundherum überzeugen im Sinne der Übung, als eines enthüllenden Blicks in Bachs Werkstatt, konnte das Ganze nicht. Viele Choralmelodien sind halt so gebaut, dass sich sich in alle möglichen musikalisch-harmonischen Kontexte einfügen lassen - wenn auch, wie des öfteren hier, nur unter Inkaufnahme erheblicher rhythmischer Verzerrung. Indes: Die Häufung nachgewiesener "Einbaumöglichkeiten" macht dann doch nachdenklich. Vielleicht ist nicht alles spekulative Beliebigkeit. Alles in allem zeitigte der Abend in der Kirche ein bewegendes Erlebnis - wegen der Ernsthaftigkeit und allem Schnickschnack abholden Professionalität der Beteiligten. Christoph Poppen, Primarius des früheren Cherubini-Quartetts und Dirigent des Münchner Kammerorchesters, ist kein Virtuose im auch äußerlichen Verständnis des Wortes, aber dafür ein gründlicher und intelligenter Musiker, der sich in den Kosmos des bachschen Werkes tief hineingedacht hat. Da gelangen, bei deutlicher Akzentuierung des Sprachcharakters der Musik, schöne, eindringliche, anrührende Töne der Trauer und des Trostes. Und was die Hilliards an Transparenz und wortnaher Eindringlichkeit, an Bewusstheit und Genauigkeit der Intonation hinbekamen, das darf schon wundersam genannt werden. [erschienen in: Kölner Stadt-Anzeiger, 15.02.2005]


"Harmonien hören, die es nicht gibt"
Ein ungewöhnliches Konzert mit dem britischen Hilliard Ensemble

[Johannes Zink] - Köln. Allein die prominente Besetzung machte hellhörig beim Konzert, das Kölner Bachverein und WDR in St. Maria im Kapitol veranstalteten: Das britische Hilliard Ensemble ist seit 30 Jahren eine Instanz in Sachen Gesang. Christoph Poppen, erster Geiger des renommierten Cherubini-Quartetts bis zu dessen Auflösung, steuert seit 1995 das Münchner Kammerorchester auf Erfolgskurs. Wer solche Akteure für ein Konzert gewinnen will, muss was zu bieten haben.

"Morimur" heißt das Projekt, in dem das Gesangsquartett und Poppen eine spannende neue Lesart der d-Moll-Partita BWV 1004 vorstellten. Darin wird die Partita so etwas wie ein musikalisches Hologramm: ein Bild, bei dem man in eine Tiefe schauen kann, die es eigentlich gar nicht gibt. Und so hört man bei Bachs Werken für Violine Solo Harmonien, die so nirgendwo auf dem Notenpapier stehen - und noch mehr. Denn die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene vermutet hinter der Musik einen geistigen Bauplan. Der Vorschlag, den sie zur d-Moll-Partita macht, ist spekulativ, aber nicht unplausibel. Ein Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die zeitliche Nähe des Werks zum Todesjahr von Bachs erster Frau Maria Barbara 1770. Thoene entdeckt hinter der Ciaconna der d-Moll-Partita ein verborgenes Programm, das den Themenkreis "Tod und Auferstehung" umschreibt, daher "Morimur" (lateinisch: wir sterben). Genau genommen versucht sie den Blick in die schöpferische Werkstatt des Menschheitsgenies Bach. Sie vermutet, dass die musikalischen Abläufe des Violinwerkes unhörbar von Trauerchorälen gesteuert werden. Und die werden wieder hörbar gemacht.

Das Hilliard Ensemble singt sie mit einer überirdischen Klarheit der Diktion und Intonation, dazwischen spielt Poppen die Einzelsätze der Partita: Tief konzentriert, schnörkellos, ohne romantische Fettblende, gerade so, wie es sich für einen Bach-Spieler von Format gehört. Die Ciaconna, der Schlusssatz, erklingt gleich zweimal: Solistisch und in der Überlagerung mit den Chorälen. Die Deckungsgleichheit, mit der sich alles zusammenfügt, die Selbstverständlichkeit, mit der sich diese fragilen Gebilde gegenseitig stützen, ist frappierend. Solche Denkanstöße in Sachen Bach wünschen wir uns noch viele, zumal in solcher Qualität und Umgebung.
Ein starkes Konzert. [erschienen in: Kölnische Rundschau, 15.02.2005]




Konzertveranstalter BVK
Arcangelo Trio 02/04