PRESSE-ECHO
"Volkes Stimme gehört"

Bach-Verein mit Johannespassion

[wei] - Den philharmonischen Passionsreigen eröffnete gestern der Bach-Verein Köln mit Bachs Johannespassion. Der Dirigent Thomas Neuhoff legte eine zügige, dem dramatischen Impetus des Werkes folgende sehr harmonische Interpretation vor. Grabesruhe herrschte nur nach dem Schluss-Choral – keine Huster, keine voreiligen Klatscher. Das sprach für das Publikum in der gut besuchten Philharmonie, dem neben einem sehr gut aufgelegten Chor und erlesenen Solisten mit der Johann Christian Bach-Akademie ein Orchester mit historischen Instrumenten präsentiert wurde.

Die Anfangsenttäuschung nach dem Eingangs-Chor, wo der wohlige runde Chorklang eine Wolldecke über das relativ klein besetzte Orchester legte und die Musiker praktisch "aus der Ferne" mitklingen ließ, relativierte sich schnell. In den Arien erwiesen sich die Solisten der Akademie als aufgeweckte Mitstreiter mit nobler Intonation und sicherer Auszierungskunst. Der Chor reagierte wunderbar, war hellwach als impulsiv einfallende Volkesstimme, stets sicher und souverän geführt von ihrem Dirigenten.
Cornelia Samuelis berührte mit ihrem knabenhaften Sopran, die prominente Altistin Annette Markert verströmte Wärme und Liebe in ihrer Arie "Es ist vollbracht", und Bassist Klaus Mertens bestätigte in seiner "Eilt"-Arie mit seelenvoller Hastlosigkeit, dass er zu Recht als Konzertsänger geliebt wird. Der Evangelist Andreas Post, neben dem Chor die Hauptrolle in diesem spannenden Zweiteiler, ließ mit kluger Wandlungsfähigkeit Dramatik aufblitzen, setzte als Erzähler wirkungsvolle Pausen und sorgte mit Neuhoff für ungewohnt dichte Anschlüsse. Das gab Tempo, Temperament, Spannung. [erschienen in: Kölnische Rundschau, 28.02.2005]



"Vorbildliche Aufführung"

Thomas Neuhoff dirigiert Bachs Johannes-Passion

[Guido Krahwinkel] - Gewiss, mit der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach betritt man heutzutage kein programmatisches Neuland mehr, so auch Thomas Neuhoff nicht, der das Werk mit dem Chor des Kölner Bach-Vereins und der Johann Christian Bach-Akademie in der Kölner Philharmonie aufführte. Die Kunst besteht hier darin, neue Facetten im Bekannten zu entdecken. Das ist Neuhoff tatsächlich mit einer Aufführung gelungen, die den dramatischen Spannungsbogen der in löblicher Weise ohne Pause aufgeführten Passion nachvollziehbar vermittelte.

Der in jeder Hinsicht mustergültig vorbereitete Chor des Bach-Vereins beeindruckte mit einer vom ersten bis zum letzten Takt vorbildlichen Perfektion. Sauber gedrechselte chromatische Windungen, markant herausgemeißelte Akzente, ein klarer Chorklang und eine optimale, an rhetorischen Maßgaben orientierte Sprachverständlichkeit gehören zu den Vorzügen des Chores, die sich nicht zuletzt in den Turba-Chören bemerkbar machten. Die beißende Schärfe, mit der etwa die geifernde und hetzende Volksmasse dargestellt wurde, war an Deutlichkeit kaum noch zu überbieten. Im Gegensatz dazu waren die relativ zügig durchmusizierten Choräle ein schlichter, zum Innehalten einladender Gegenpool.

Die Johann Christian Bach-Akademie spielte unter Neuhoffs schnörkellosem Dirigat ebenfalls mit einem wachen Gespür für textausdeutende Details und großer Lebendigkeit begleitet. Hier konnte Andreas Post mit einer phänomenalen Leistung beeindrucken. Aber auch die anderen Solisten, allen voran Cornelia Samuelis mit einer wunderbar gelösten Sopranstimme, Annette Markert mit subtilem Timbre, und Klaus Mertens mit kultiviertem Bariton, reihten sich nahtlos in den positiven Eindruck dieser Aufführung ein. [erschienen in: Bonner Generalanzeiger, 1.03.05]



"Ein leichter Hauch nur von Ewigkeit"

Thomas Neuhoff dirigierte in der Kölner Philharmonie Bachs "Johannes-Passion"

[Gerhard Bauer] - In dem Satz "Lasset uns den nicht zerteilen" agierte der Chor des Kölner Bach-Vereins auf einem Niveau, wie man es sich generell gewünscht hätte: Alles klang durchsichtig, virtuos, locker und klar, die Struktur vermittelnd, den Sinn erhellend. Und auch in dem die Bass-Arie "Mein teurer Heiland" überhöhenden Choral "Jesu, der du warest tot" herrschte Größe, ein Hauch von Ewigkeit gar. Hier mochte man dem Gefühl unterliegen, an musikalisch und geistig Bedeutendem, an religiös Überwältigendem teilzuhaben.

Doch insgesamt war die Matinee in der Philharmonie im Zyklus "Kölner Chorkonzerte" kein Ruhmesblatt für die Szene. Neuhoff gelang es nicht immer, das Übergewicht der (bisweilen stechenden, höhenscharfen) Frauenstimmen auszutarieren, darunter litten Homogenität, Transparenz und Plastizität der polyphonen Partien. In den Chorälen war nicht auszunehmen, ob sie zu Gemeinde- oder Kunstgesang tendieren, welches Gewicht dem Text gehört.

Idee und Ideal
Wurde hier quasi jedes Komma artikuliert, flossen dort die Silben ohne Innehalten dahin. Auch wirkte zumal in den Volkschören etliches mechanisch abgespult, mehr auf Sicherheit als auf Gestaltung bedacht - und weil es, siehe oben, auch anders geht, liegt der Verdacht nahe, dass es an Idee und Ideal einer Interpretation fehlte. Welch enorme Bach-Leistungen andere Kölner Chöre erbringen, muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden.

Die vier ordentlichen Solisten - Cornelia Samuelis, Annette Markert, Andreas Post und Klaus Mertens teilten sich die Last auch ungewohnter Arbeiten, die Johann-Christian-Bach-Akademie genügte auf altem Gerät der instrumentalen Pflicht. Den folgenden Kölner Passions-Aufführungen gehört nun gespannte Aufmerksamkeit. [erschienen in: Kölner Stadtanzeiger, 28.02.2005]



"Konzerte zur Vor-Osterzeit"

[Gunter Duvenbeck] - Von den schon im Februar gegebenen Passions-Konzerten sei als terminlich früheste die Aufführung von Bachs "Johannes-Passion" in der Bonner Schlosskirche erwähnt ...
Eine besonders geglückte Aufführung dieses Werkes erlebte man in der Kölner Philharmonie mit dem Bach-Verein und der Johann Christian Bach-Akademie unter Leitung von Thomas Neuhoff. Hier trafen sich neuere Erkenntnisse über historische Aufführungspraxis und elementarer Ausdruckswille mit hoher Vergeistigung zu einem Musizieren von kaum zu überbietender Intensität. In die Erinnerung eingebrannt bleiben etwa die mit stechender Schärfe formulierten Turba-Chöre wie das heikle "Lasset uns den nicht zerteilen", aber auch Andreas Post als stilsicher und doch stets mit Wärme agierender Testo oder Klaus Mertens mit seiner so kultivierten Gestaltung der Bass-Partie; auch Cornelia Samuelis (Sopran) und Annette Markert (Alt) füllten ihre Rollen optimal aus. [erschienen in: Köln-Bonner Musikkalender, April 2005 (Nr. 197), S. 34f.]



"Schmerzliche Analyse eines Werkes von Bach"

Der Theologe Johann Michael Schmidt nahm die Johannes-Passion von Bach unter die Lupe

[Marianne Kierspel] - Innenstadt. Die alte Frage wird gern unterdrückt: "Judenfeindliche Töne in der Johannes-Passion?" Denn Analysen fördern Schmerzliches zutage, im Johannes-Evangelium und in Johann Sebastian Bachs Komposition. Nach dem Völkermord an den Juden sind die Spuren Jahrhunderte alter Judenfeindschaft, die sich auch in solchen Meisterwerken finden, ein Tabu. Doch jetzt der Kölner Bach-Verein den Aspekt mutig auf.

Wunsch der Musiker
Der Chor probte mit Thomas Neuhoff das Werk für ein Konzert in der Philharmonie am vergangenen Sonntag. Auf Wunsch der Musiker hatte die Melanchthon-Akademie zu einer Einführung in die Antoniterkirche eingeladen. Johann Michael Schmidt, emeritierter Kölner Theologieprofessor, erläuterte Historie, Theologie und Musik (Auszüge im Internet: www.theologie-koeln.de]. Dabei setzte Schmidt allerdings so Wichtiges wie Luthers judenfeindliche Schriften als bekannt voraus. Immerhin fußt Bach auf Luther, wo er die Passion mit musikalischen Mitteln deutet. Dazu sang der Chor einige Beispiele. Laut Schmidt enthalten zwar die freien Texte der Arien und Choräle fast keine Judenfeindlichkeit. Bachs Haupttext aber ist das Johannes-Evangelium, das zwei Generationen nach der Kreuzigung entstand und die Schuld an der Kreuzigung von den Römern wegschiebt, hin zu den Juden.

Die Musik ist weniger eindeutig. Doch fallen musikalische Wiederholungen an zentraler Stelle auf, um den Choral "Durch dein Gefängnis Gottes Sohn". Man hat sie bei Bach als barocke Redefigur für Hartnäckigkeit (Perfidia) gedeutet und gefolgert, er werfe den Juden Verstocktheit vor, Jesus nicht als Gottes Sohn anzuerkennen. Je schärfer Bachs Musik gesungen und gespielt wird, je besser also die Aufführung, desto mehr verstört sie in theologischer und menschlicher Hinsicht, so Schmidt. Dieses Dilemma haben Kölner Kirchenmusiker schon einmal 1989 öffentlich diskutiert. Zum Beleg erklang nun Bachs Chorsatz "Wäre dieser nicht ein Übeltäter", eine Musik wie mit Peitschenhieben.

Hilfreich waren Schmidts persönliche Bemerkungen. Er gestand, dass auch er früher die Johannes-Passion unbefangen gehört habe. Doch hätten ihm Juden berichtet, dass sie in Bachs Musik über "die Jüden" stets auch "Juda, verrecke" mithörten. "Also kann ich das Werk nicht mehr unbefangen hören. Ich muss es neu hören." Der Theologe empfahl, nicht nur die wunderbare Musik zu genießen, sondern auch die betrachtenden Texte über Schuld und Sünde in Bachs Johannes-Passion zu bedenken, die nicht aus dem Johannes-Evangelium stammen. Sie gingen uns alle an, denn die konfrontierten uns mit unserer eigenen Schuld. Schmidts behutsamer Vortrag hat offenbar drängende Fragen berührt. Nachher sah man etliche Besucher vor der Kirche ins Gespräch vertieft. [erschienen in: Kölner Stadtanzeiger, 1.03.2005]




Johannespassion