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Lootens "Bonner Messe" uraufgeführt [Fritz Herzog] ... Einen "Dialog, keine Konfrontation" strebe die "Bonner Messe", eine Auftragsarbeit des Bonner Beethovenfests an den Franzosen Cristophe Looten, an. So jedenfalls äußerte sich Thomas Daniel Schlee, Widmungsträger des Werkes, bei der Uraufführung in der Bonner Kreuzkirche, einen Dialog mit Beethovens wahrhaft "zu Herzen" gehender, 1824 in Sankt Petersburg aus der Taufe gehobener Missa Solemnis.
Das angepeilte Dialog-Verhältnis zwischen Beethoven und Looten sollte indes ein frommer Wunsch bleiben: Dem Anspruch, "den Text des Ordinarium Missae zwischen Beethoven und der Neukomposition alternieren zu lassen", wird Lootens "Bonner Messe" zwar gerecht, doch muss, da es dem 1958 geborenen Komponisten ausdrücklich um die "Klangrede" der Musik geht, nachgefragt werden dürfen, was die "Sprache" seiner Musik mit der Beethovens zu tun hat. Eine erste vorsichtige, durch Programmheft-Lektüre gestützte Bestandsaufnahme lässt auf eine konstruierte, also künstliche Syntax schließen.
Looten hat sich einen "bipentatonischen Modus" (eine Zehnton-Reihe) erdacht, der durch Aussparen zweier Töne und deren spätere Verwendung einen "echten dialektischen Wert" erhalte. Solcher Kopfeslast hat Beethoven wenig entgegenzusetzen: Seine Musik vermag unmittelbar zu berühren - immer noch! Auch von seinen Proportionen her fällt der "Dialog" eher als Monolog aus: Beethovens Missa Solemnis bildet mit einleitendem Kyrie und finalem Agnus Dei lediglich einen Rahmen für ein ausgiebiges Gloria, eine Litanei (in deutscher Sprache), ein gregorianisch inspiriertes Credo, sowie ein Sanctus aus Lootens überwiegend serieller Feder.
Dass der Abend durch seine aufführungsmusikalischen Qualitäten beeindrucken konnte, ist Thomas Neuhoff zu danken, der mit dem Chor des Kölner Bach-Vereins und dem Philharmonischen Chor der Stadt Bonn eine Hundertschaft von Sängerinnen und Sängern mit sicherer Intonation und - soweit es die üppige Kreuzkirchen-Akustik zuließ - in sauberer Artikulation durch die orchesterverbrämten Klangflächen Lootens leitete. Das wunderbar lineare A-cappella-Credo oblag der Schola an der Bonner Münsterbasilika unter Wolfgang Bretschneider.
Ein Glücksfall war auch das Solistenquartett aus Franziska Hirzel mit strahlend klarem Sopran, Gerhild Romberger mit warm timbriertem Alt, Hans Jörg Mammel mit hellem, vibratofreiem Tenor und Reuben Willcox mit schlankem, aber keineswegs marklosem Bass. Die Kammerphilharmonie Amadé begleitete mit sorgfältig differenzierten Apparaten. An der Orgel saß Peter Dicke. Der Beifall schloss den Komponisten ausdrücklich mit ein. [erschienen in: Bonner Generalanzeiger, 23.09.2003]
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"Bonner Messe" von Christophe Looten uraufgeführt [Alexander Reischert] - "Beethoven und die Zweite Wiener Schule" lautete in diesem Jahr das Motto des Internationalen Beethovenfests Bonn, wofür die Veranstalter den französischen Komponisten Christophe Looten mit einer neuen Messkomposition beauftragt hatten. Beabsichtigt war ein mit zusätzlicher Litanei und Gregorianischem Choral angereicherter 'Dialog' zwischen der beethovenschen "Missa solemnis" und einer neuen Komposition unter dem Titel "Bonner Messe".
Der 1958 in Bergues geborene Looten sah nach intensivem Studium des klassischen Werks für sich nur den Weg, "alles wieder zu vergessen und ein anderes kompositorisches Ziel zu verfolgen als das des Bonner Meisters": womöglich eine Kapitulation des Nordfranzosen vor der Aufgabenstellung oder aber konsequente Stiltreue gegenüber dem eigenen Schaffen? Die "Bonner Messe" beginnt mit dem Kyrie der "Missa solemnis", gefolgt von einem Gloria und einer deutschsprachigen Litanei aus der Feder Lootens. Nach dem gregorianischen Credo IV beschließen ein lootensches Sanctus und Beethovens Agnus Dei das Werk. Also eine Pasticcio-Messe, wie der Komponist selbst sie bezeichnet wissen will, und leider mit dem entsprechend faden Beigeschmack: Dur-Moll-Tonalität neben Kirchen- und Atonalem, A cappella-Einstimmigkeit neben Solisten- und Chorgesang mit voller Orchesterunterstützung, lateinischer neben deutschem Gesangstext – diese stilistisch-konzeptionelle Beliebigkeit lässt sich auch nicht durch Lootens Beethovenzitation überdecken, er hoffe ebenso wie jener "sowohl bei den Singenden als bei den Zuhörenden religiöse Gefühle zu erwecken und dauernd zu machen".
Dass diese Uraufführung dennoch bemerkenswert war, verdankt man sowohl den Ausführenden als – bei isolierter Rezeption seiner drei originären Messebeiträge – dann doch noch Christophe Looten. Dessen spezielle Musiksprache, deren Rückgrat eine bipentatonische Skala bildet, lässt in Verbindung mit einer raffinierten Instrumentationstechnik und seiner außergewöhnlichen Kunstfertigkeit im Umgang mit dem Rhythmus eine eindrückliche und zuweilen fesselnde Vertonung des Messetextes entstehen. So finden sich wunderbare orchestrale Klangteppiche unter den Vokalstimmen, Blechbläser und Pauken gliedern mit ihren Einsätzen nachvollziehbar die Satzstruktur, die Orgel entwickelt ein höchst individuelles Eigenleben, gregorianische Melodien sind immer wieder geschickt integriert und bei allem zwischenzeitlichem Klanggewitter erscheint der Gesangstext jeweils adäquat ausgedeutet. Dass die vier Solisten, die Kammerphilharmonie Amadé sowie die beteiligten Chöre, der Philharmonische Chor der Stadt Bonn und der Chor des Bach-Vereins Köln, unter dem engagierten Dirigat von Thomas Neuhoff diese vermutlich größte Herausforderung ihrer bisherigen musikalischen Praxis mit Bravour meisterten, bezeugte auch das begeistert applaudierende Premierenpublikum ... und doch blieb am Ende ein beidseitiger Phantomschmerz zurück: nämlich zwei unvollständige Messen gehört und dabei jeweils die fehlenden Teile spürbar vermisst zu haben. [erschienen in: Musik und Kirche 6/2003, S. 416f.]
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Looten "Bonner Messe"
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