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Arnold Schönbergs "Gurre-Lieder" in der Kölner Philharmonie Janowski dirigierte Gürzenich-Orchester
[Hans Elmar Bach] - Das Knistern im Gebälk der Kölner Kulturszene hat sich für den Augenblick ans Theater verzogen. Im Zeichen der Hundertjahrfeier ist es beim Gürzenichorchester und seinem Chef Marek Janowski gegenwärtig still in der Diskussion der weitergehenden Zusammenarbeit. Die Festaufführung demonstrierte Harmonie zwischen Janowski, dem Orchester und dem Publikum. Für Arnold Schönbergs "Gurre-Lieder" waren sie alle aufgeboten: die 140 Musiker zwischen den Höhen der Piccoloflöten und den Abgründen der Kontrabaß-Tuba. Dazu - nach grober Schätzung - 400 bis 500 Stimmen des Gürzenich-Chors, der Kartäuserkantorei, des Bach-Vereins, des Philharmonischen Chors Bonn und Männerstimmen des Collegium musicum der Unversität Köln.
Was da an Masse die Bühne der Philharmonie und Ränge im Hintergrund bevölkerte, war nicht nur dort eindrucksvoll, wo Schönberg mit der ekstatischen Wucht des kompletten Aufgebots den Hörer in Bann schlägt. Weitaus berückener sind die weiten Strecken, wo sich Orchesterfarben differenzieren, wo es um leise, um Zwischentöne, um subtil Atmosphärisches geht. Man braucht da gar nicht erst die Texte von Jacobsen mitzulesen, die in der typischen Sprache des 19. Jahrhunderts für die skandinavische Sage um Liebe, Eifersucht, Tod und nächtlichen Spuk nicht eben viel Symphatien hervorlocken. Marek Janowski und seine Leute zauberten aus jedem Satz eine eigene kleine sinfonische Dichtung von jeweils höchst individueller Prägung im glutvollen Abendlicht einer zu Ende gehenden Epoche. Schönberg, in eigener Sache immer mehr als anspruchsvoll, hätte in Janowski einen kongenialen Interpreten angetroffen, was die Instrumentationskunst angeht, in der Wagner, Mahler und auch Richard Strauss ihre Spuren eingegraben haben. Im rechten Verständnis von Schönbergs eher expressivem als tonmalerischem Kompositionsansatz ließ sich die Aufführung nicht vorrangig auf die illustrative Seite der Partitur ein.
Kühn geschwungen Janowski baute kühn geschwungene, weit gespannte Bögen, die nur insoweit biegsam blieben, als es dem emphatischen Ausdrucksbedürfnis des Komponisten entspricht. Dabei ist es unerheblich, da in der Praxis nicht realisierbar, daß die schier unüberschaubaren internen strukturellen Beziehungen nicht unmittelbar hörbar werden, es sei denn, man habe zuvor die hundert Seiten Analyse Alban Bergs zum Ton-Epos seines Lehrers studiert. Die Zusammenarbeit des Orchesters mit seinem Chef kann man nicht anders als perfekt bezeichnen, und das bei einem kühlen, emotionsfreien Schlagbild, das mehr reguliert als Feuer gibt. Unter den Solisten hatten William Johns als Waldemar und Elisabeth Connell als Tove die Arbeit von Stimmgiganten zu leisten. Und die blieb bewundernswert, selbst wenn da manches Orchesterfortissimo sie an dynamischen Höhepunkten wegzuschlucken drohte. Als Waldtaube war Marjana Lipovsek unübertrefflich. Siegmund Nimsgern sang den Bauer kraftvoll und selbstbewußt deklamierend. Heinz Kruse als Narr und Günter Reich als Sprecher des am Jahrhundertbeginn geradezu futuristischen Melodrams fanden sich von Janowski in orchestralen Kabinettstückchen begleitet und konnten so ihre bizarren beziehungsweise poesievollen Parts voll ausschöpfen.
Die Chöre als imposante optische Staffage wurden durch akustische Gesetze ein wenig daran gehindert, im kanonischen Schlußchor das ihrer Kopfzahl entsprechende Volumen zu entwickeln, das sie vor einer weitgehenden Verschmelzung mit den exzessiven Orchesteraktivitäten bewahrt hätte. Den aus mehreren Chören rekrutierten "Mannen" im Geisterzug der "wilden Jagd" hätte fürs exakte Zusammensingen eine zusätzliche Probe gutgetan. Indessen: Das Frühwerk Schönbergs fand gleiches Gefallen wie bei der Uraufführung 1913. Jubel fast zwanzig Minuten lang für alle, besonders auch für Marek Janowski. [erschienen in: Kölner Stadt-Anzeiger, 02.05.1988]
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