KONZERTE VOM 19./20.03.1968
"Sauber - aber ohne Feuer"

Zur Aufführung der Hohen Messe im Bach-Verein

[Norbert Stich] - Vom Heiligen Geist war die jüngste Aufführung von Bachs Hoher Messe durch den Kölner Bach-Verein nicht beseelt, und gerade der Schluß des Gloria ("Cum sancto Spiritu") ließ jegliches Feuer vermissen. Indessen gefiel der Chor wie immer durch die saubere Einstudierung und präzise Intonation. An jeder Stelle spürt man die sichere Hand des erfahrenen und kultivierten Chorleiters Kurt Thomas. Es bereitet schon für sich ästhetisches Vergnügen, kleine Floskeln in parallel geführten Stimmen exakt zusammenzuhören, ein Genuß ist auch die Durchsichtigkeit der polyphonen Sätze.

Diesen Vorzügen stand aber eine erstaunliche Spannungslosigkeit der Gestaltung gegenüber. Nicht genug damit, daß die dynamische Entwicklung selten aus einem mittleren Bereich herausfand: der gesamte Klang erinnerte allzu oft an Kantoreistil, ohne daß die sinnenhafte Energie, die auch zum Charakter des Werkes gehört, so recht zum Tragen gekommen wäre.

Das Ensemble von Gesang- und Instrumentalsolisten konnte zufriedenstellen, besonders ragten Ingeborg Reichelt (Sopran) und Helen Watts (Alt) hervor. Aber auch der kräftige Baß von Jakob Stämpfli kam zur Geltung, der Tenor Gerald English wirkte zu Beginn etwas farblos, brachte aber im Verlauf des Werkes die Stimme auch zum Klingen. Der wohlwollende Beifall galt den vielfachen soliden Leistungen mehr als der musikalischen Konzeption. [erschienen in: Neue Rheinzeitung, 30.03.1968]



"Vom ersten Takt an fest gefügt"

Kurt Thomas und der Bach-Verein führten die H-Moll-Messe im Gürzenich auf

[Johannes Schwermer] - Das gewaltige Werk ist selbst Theologie und Liturgie: Müßig, nach seinem Funktionswert und nach seinem gottesdienstlichen Ort zu fragen. Bachs H-Moll-Messe trägt ihre Erfüllung in sich, gleich, wo sie erklingt.

Kurt Thomas, der das Werk mit dem Chor des Bach-Vereins und dem Kölner Bach-Orchester im Gürzenich zelebrierte – wir hörten die Aufführung im Rahmen der städtischen Jugendkonzerte -, fügt Quader auf Quader des Riesenbaues mit statuarischer Entrücktheit: Mit dem ersten Takt – es gibt kein Suchen und Einspielen – steht die Gesamtintention ehern fest. Man sollte kaum glauben, daß der knappe metrononische Gestus seiner Zeichengebung den Klangkörper derart inspiriert. Die ergreifende einsame Erhabenheit, die dem Zahlen- und Figurensymbol anvertraute Innerlichkeit erstehen mit aller gebotenen Gemessenheit, während allerdings das Glanzvoll-Prächtige und die Verve der Spontaneität zurückbleiben. Vor allem die Streicher spielen oft zu weich, verschleifen die Phrasierungen, beachten nicht die sorgfältig von Bach geforderten dynamischen Vorschriften, lassen den spannungsreichen Fluß barocker Katarakte versanden und täuschen eine pietistische Ruhe vor, die nicht das Wesen trifft. Beispiel: „Christe eleison“.

Das An- bzw. Abschwellen bei auf- und niedersteigenden Figuren ist stilistisch problematisch. In Concertino-Teilen und bei Arien heben sich dagegen vorbildlich die Bläser in der Artikulation ab: Hans Paar (Flöte), Helmut Hucke (Oboe), Konrad Alfing (Horn); besondere Erwähnung verdient Heinz Zickler, der die schwierigen Trompetenpartien – wenn sich auch der Klang nicht so gut mischt wie bei Clarinen – namentlich im „Sanctus“ gültig gestaltete. Schade, daß die Tenorarie des „Benedictus“ nicht von der Flöte statt der Geige begleitet wurde. Franz Zimmermann machte die vielen klanglichen Schwierigkeiten der Solovioline bewußt. Die Vorzüge des Chores: Die polyphone Transparenz, die natürliche Deklamation (gut die Präzision der Konsonanten-Behandlung im Ritardando des „Passus et sepultus est“!), die Intensität, mit der beispielsweise nach fugierten Kopfsätzen die kontrapunktischen Linien weitergeführt werden („Gloria“). Das gelegentliche Herausstellen von Schwelltönen kann man stilistisch – etwa aus der Vivaldi-Praxis – durchaus bejahen. Die zu knapp bemessenen Männerstimmen haben im doppelchörigen „Osanna“ einen schweren Stand. Löblich ihre disziplinierte Ausführung langer Sechzehntel-Ketten.

Die Solisten: Ingeborg Reichelt (Sopran) mit ergreifend inniger, textdurchdrungener Gestaltung; Helen Watts, die große Altistin mit weichem, sonorem Klang und einer mehr der englischen Oratorienpraxis entsprechenden Legato-Textbehandlung (am besten im „Agnus Die“, weniger überzeugend im „Laudamus te“, das zu idyllisch geriet. Gerald English (Tenor) hat noch einen beträchtlichen Weg zurückzulegen, um zu einer stimmlich und gestalterisch ausgeglichener Wiedergabe zu finden; Jakob Stämpfli (Baß) spannte weite Atembögen über seine groß konturierte Interpretation. In der Arie „Quoniam tu solus“ hätte man auf den verdickenden Continuo-Kontrabaß verzichten können. [erschienen in: Kölner Stadtanzeiger, 21.03.1968]



"Zweimal h-Moll-Messe"

Kurt Thomas mit Kölner Bach-Verein

[M.R.] - Der Interpretationsstil von Kurt Thomas klärt sich mehr und mehr ab. Die Architektonik der Musik gewinnt an Gewicht. So ist es auch der Aufbau des Figurenwerks, der immer stärker die Dynamik bestimmt. Jede melodietragende Stimme ist deutlich gezeichnet, und wenn sich die Stimmen in der Polyphonie türmen, dann erst wird er dichter, dann wird er stärker. Der Anfang des Kyrie und des Credo der Bachschen h-Moll-Messe, die an zwei aufeinanderfolgenden Abenden (in der Reihe der Jugendkonzerte und im dritten Chorkonzert des Bach-Vereins) im Gürzenich erklang, waren für diesen Interpretationsstil charakteristisch. Es war eine fast kammermusikalische Wiedergabe des großen Chorwerks; besser gesagt, es war eine betont liturgische. Sie war auffallend gedämpft im Klang – was den Solisten die Möglichkeit voller Entfaltung eröffnete – und ruhevoll ungestört im gewaltigen Strömen des Metrischen. Vom selben Ebenmaß war die weitgehend auf die charakteristische barocke Terrassendynamik konzentrierte Bewegung der Lautstärken.

Strahlendes Forte war selten zu hören. Mit Pauken und Trompeten erschallte das strahlende Gloria, doch selbst das Crucifixus war verhalten und verklärt. Daß das großartige Chor-Baß-Solo (Et iterum venturus est) nicht die fesselnde Klanggewalt hatte, mag zu gleichen Teilen der insgesamt vorbildlichen, ganz auf Helligkeit und Leichtigkeit gezielten Chorschulung und der nicht allzu umfangreichen Stimmzahl zuzuschreiben sein. Meisterhaft beherrschten die Chorsänger ihre Partien. Die Gesangssolisten hatten alle Gelegenheit zu individueller Entfaltung: Ingeborg Reichelt mit unmittelbar ansprechendem Sopran, Helen Watts mit seelenvollem Alt, Gerald English mit nicht immer voll entfaltetem Tenor und Jakob Stämpfli mit einem ebenso klangvollen wie kultivierten Baßvortrag.

Nicht ganz auf der Höhe der Vokalisten war (wir berichten über die erste Aufführung) das Kölner Bach-Orchester, dessen solistische Vorträge (der Herren Zimmermann, Paar, Hucke, Zickler, Alfing und – im Continuo – Plümacher, Morneweg, Mantels sowie Gisbert Schneider an der Orgel) auch von unterschiedlichem Niveau waren. [erschienen in: Kölnische Rundschau, 21.03.1968]




Konzert vom 13.12.1967
Konzert vom 17.11.1968