KONZERTE VOM 30./31.03.1965
"Bachs Hohe Messe"

Zwei Aufführungen des Bach-Vereins im Gürzenich

[Margo Schuchardt] - Ein musikalisch denkwürdiges Ereignis war die zweimalige Aufführung - der erste Abend fand für die Kölner Jugend statt - von Bachs h-Moll-Messe durch den Kölner Bach-Verein unter seinem Dirigenten Kurt Thomas. Es spricht für die zwingende Kraft von Thomas' sehr entschlossener Darstellung, daß Ausübende wie Aufnehmende bis zur letzten Note ohne Ermüdung durchhielten.

Thomas ist ein Gestalter von hohem liturgischen Bewußtsein, der das einsame Wunderwerk fern aller romantisierenden Aufweichung der Konturen ganz aus der Strenge einer protestantisch herben Geistigkeit sprechen ließ. Das soll nicht heißen, daß seine Interpretation die Spannung und intensive Prägung des musikalischen Ausdrucks fehlte. Aber den Hauptakzent legte dieser klug disponierende Dirigent auf klare polyphone Zeichnung, auf harte und feste Zuschärfung der Bachschen Linien.

So wirkte das erste Kyrie ergreifend durch seine schlichte Feierlichkeit, formten sich die fünfstimmigen Chorfugen im Gloria und Credo und das schmerzvolle Thema des "Crucifixus" ohne alle dramatische Überbelichtung zu eindrucksvoller Größe. Bewunderswert auch die Ökonomie im Einsatz der Mittel, durch die Thomas seinem Chor und Orchester genügend Kraftreserven für die grandiose Vision des sechsstimmigen "Sanctus" aufsparte.

Hoch zu rühmen war die Leistung des Chores, der selbst die gewagtesten Figurationen gesanglich und deklamatorisch sicher bezwang und guten Kontakt mit dem stilvoll sekundierenden Orchester hielt. Mit Hingabe spielten die führenden Solisten Franz Zimmermann (Violine), Hans-Jürgen Möhring (Flöte), Helmut Winschermann (Oboe), Erich Penzel (Horn) und der hervorragende Trompeter Helmut Schneidewind. Die Continuo-Spieler waren H. Plümacher (Cello), E. Morneweg (Kontrabaß), E. Schamberger (Fagott), Annemarie Bohne (Cembalo) und Gisbert Schneider (Orgel).

Einheitlich im Klang fügten sich die Solisten dem Stil der Aufführung ein. Der edle Sopran Ingeborg Reichelts, der ausdrucksvolle Alt Marga Höffgens - eine Spur "samtiger", als es der Auffassung des Dirigenten entsprach -, Georg Jeldens heller Tenor und Jakob Stämpflis nobler Baß. Die äußere und innere Anteilnahme der Hörerschaft war groß. [erschienen in: Kölner Stadtanzeiger, 03./04.04.1965]



"Bachs h-Moll-Messe im Gürzenich"

Zwei bemerkenswerte Aufführungen des Bach-Vereins unter Kurt Thomas

[Marion Rothärmel] - Die tragenden Pfeiler der Bachschen h-Moll-Messe sind die Choristen. Kurt Thomas, der das Werk jetzt in der Reihe der städtischen Jugendkonzerte und, am Abend darauf, für den Bach-Verein für den Bach-Verein aufführte, konnte sich auf seine – meist jugendlichen – Sänger in jedem Augenblick verlassen. Er hat den Chor des Bach-Vereins trefflich geschult und eine Geschlossenheit des Klangs erreicht, die nicht nur bei den Laienchören zu den großen Seltenheiten gehört. Was diese Chorgemeinschaft heute aber vor allem auszeichnet, ist die fast an einen Knabenchor erinnernde Klarheit des Klangs. Es gibt kein Startum, bei keinem Sänger. Die starken und die schwachen ordnen sich gleichermaßen unter. Nicht eine einzige Stimme „fällt heraus“. Vielmehr verfolgen alle Sänger dasselbe Ziel mit einem Minimum an Vibrato und einem Maximum an Helligkeit und Leichtigkeit.

Gleichwohl: Es ist kein Knabenchor, mit dem der frühere Leipziger Thomaskantor in Köln arbeitet. Hieraus erklärt sich wohl die eigentümliche Wirkung der großen Chorsätze, die plötzlich nicht durch ihre großartige Architektur für sich einnehmen, vielmehr fast das Gepräge moderner bewegter Klangflächen erhalten. Der auf diffizile Dynamik ausgerichtete Interpretationsstil von Kurt Thomas unterstützt diesen Eindruck noch. Nicht etwa, daß er romantisierende Effekte mit hineinbringt, aber das fast permanente Legato (unterbrochen allenfalls von einem Staccato, das von dem Mittelweg „normaler“ Achtel oder Viertel ebensoweit entfernt ist) wird bei Thomas zwar minimal, doch ständig durch Crescendi oder Diminuendi belebt. Ein „natürliches“ Fließen (das noch lange nichts mit Herunterspielen zu tun hat) gibt es kaum. Gleichwohl folgt der Dirigent stets dem schlichten Sprachduktus.

Der Chor des Bach-Vereins war unter den Händen von Kurt Thomas ein ideales Instrument. Fast auf gleicher Höhe bewegte sich das Kölner Bach-Orchester. Ganz besonders eindrucksvoll waren diesmal auch die Instrumentalsolisten: Franz Zimmermann (Violine), Hans-Jürgen Möhring (Flöte), Helmut Winschermann (Oboe), Helmut Schneidewind (Trompete) und Erich Penzel (Horn). Ergänzt wurde das Instrumenalensemble durch die Continuospieler Hans Plümacher (Violoncello), Emil Morneweg (Kontrabaß), Emil Schamberger (Fagott), Annemarie Bohne (Cembalo) sowie Gisbert Schneider an der Orgel. Unter den Gesangssolisten holten sich die Damen den Lorbeer. Ingeborg Reichelt mit strahlendem Sopran, Marga Höffgen mit ausdrucksvollem Alt; Georg Jelden (Tenor) rang um die Höhe, Jakob Stämpfli (Baß) hatte an diesem Abend nicht das rechte stimmliche Fundament. [erschienen in: Kölnische Rundschau, 02.04.1965]



"Hohe Messe"

[Norbert Stich] – Klassisch sollte man die Aufführung der Hohen Messe von Bach durch den Chor des Bach-Vereins nennen. Alles klang wirklich so, wie man es in der Vorstellung hat. Dadurch haftete der Aufführung etwas Konservatives an. Es ist nicht Sache von Kurt Thomas, an einem solchen Werk zu experimentieren, weder in den Tempi noch in der Herausstellung klanglicher Effekte. Die Wiedergabe war ein ideales Abbild davon, wie man die Hohe Messe schon oft gehört hat und noch oft hören wird.

Es fehlte in der Tat nichts, was die Aufführung gelingen ließ. Der Chor hat mittlerweile ein angenehmes Volumen erreicht, die jungen Stimmen dominieren, was dem Ganzen einen flexiblen, lyrischen Klang verleiht. Die Solisten waren mit Bedacht gewählt, allen voran Ingeborg Reichelt mit ihrer Sopranstimme voll inniger Leuchtkraft, je nach Erfordernis von erhebender Zartheit oder strahlender Energie. Marga Höffgen (Alt) bevorzugt die gedeckten Register, und Jakob Stämpfli besitzt eine Baßstimme von so männlicher Klarheit, wie sie für Barockmusik erfordert wird. Auch die Instrumentalisten waren fast ohne Ausnahme von hoher Qualität, besonders erwähnt seien Hans-Jürgen Möhring (Flöte), Helmut Winschermann (Oboe) und Helmut Schneidewind (Trompete). Der Kontakt zwischen Ausführenden und Publikum war ausgezeichnet. [erschienen in: Neue Rhein-Zeitung, 08.04.1965]




Konzert vom Februar 1965
Konzert vom 30.07.1965