KONZERT VOM 27./29.05.1964
"Bachverein: sommerlich"

„Tageszeiten“ und „Herkules auf dem Scheidewege“

[E.] - Der nahende Sommer mit seinem musikalisch angemessenen Leichtgewicht gab dem letzten Chorkonzert des Bach-Vereins Köln die lockere, jahreszeitlich passende Note. Im Gürzenich bot Kurt Thomas mit dem Chor des Bach-Vereins und dem Kölner Bach-Orchester Telemanns Kantate „Die Tageszeiten“ und Bachs Drama per musica „Herkules auf dem Scheidewege“. Daß an diesem Abend Spätfrühling und Weihnachten sozusagen auf einen Termin fielen, dieses Kuriosum war der fast unbekannten Bachschen Kantate „Herkules auf dem Scheidewege“ zu danken. Nach der sehr leichten, fast bedenklich leichten Frühlingskost von Telemanns „Tageszeiten“ werden nicht wenige Hörer erstaunt gewesen sein, in dieser Herkules-Kantate plötzlich Arien aus dem Bachschen Weihnachtsoratorium zu vernehmen.

Der Kenner nennt das „Parodie“. Das Verfahren, das nichts mit dem Begriff der heiteren Parodie zu tun hat, ist vom 15. Jahrhundert bis zu Bach hin gebräuchlich gewesen. Darin bekundet sich geschichtlich eine Vieldeutigkeit des Klanglichen, das gewissermaßen jeden Text verdauen kann. Dabei können Textworte völlig gegensätzlichen Inhalts beliebig ausgetauscht werden, so daß es zu derselben Melodie in dem einen Fall „Erbarme dich“, in dem anderen „Erfreue dich“ heißen kann. Bach, der Mystiker in Gott, hat auch weltlich banale Komponieranlässe gekannt. Als er 1733 um die Verleihung des Titels eines kurfürstlich-königlichen Hofkompositeurs eingekommen war, brachte er sich mit diesem Herkules-Drama, einer Geburtstagskantate für den elfjährigen Dresdener Kronprinzen, in freundliche Erinnerung. Das Stück war offenbar jugendfrei, wie wir heute sagen würden. Denn eine der drei agierenden Dramenfiguren ist die „Wollust“, der der Prinz in der Gestalt des Herkules widersteht.

Nicht weniger als sechs Hauptnummern sind von Picander umgedichtet worden und in das Weihnachtsoratorium übergangen. Bach liebte diesen kleinen, lustigen und oft frivolen Gelegenheitsdichter, dessen 200. Geburtstag in diesem Mai Anlaß sein möge, das Wort des ethisch entrüsteten Albert Schweitzer anzuführen: „Man wundert sich, daß der Meister sich zu einem so unfeinen und wenig symphatischen Menschen hingezogen fühlte.“ Soll man sich über Bach wundern, der genau wußte, wieviel Großes der kleine lockere Poet in ihm angeregt hatte, oder über den Hochmut überheblicher Kritiker?

Chor und Orchester wirkten mit allem Können unter der präzisen, stilistisch geklärten Leitung von Kurt Thomas. Die vokale Hauptlast des Abends hatten die gut eingestimmten, wenn auch unterschiedlichen Solisten Ursula Bukkel, Eva Bornemann, Theo Altmeyer und William Reimer zu tragen, die selbst einem museumsreifen und wahrlich nicht mehr aufführenswerten Telemann zu einigem Leben verhalfen. Der Schlußbeifall steigerte sich zu einer Huldigung für den sechzigjährigen Dirigenten, der mit dem offenbar offiziellen Angebinde eines rot-weißen Nelkenstraußes bedacht wurde. [Kölnische Rundschau, 06.06.1964]



"Weltliche Kantaten"

[ky] - Der Chor des Bachvereins, nach wie vor ein geistig und technisch disziplinierter Klangkörper, trat an diesem Abend im Gürzenich nur wenig in Aktion. Telemann hat für ihn in seiner Kantate „Die Tageszeiten“ am Ende jedes der vier Abschnitte volksliedhaft einfache, kurze Stimmungsbilder geschrieben, und auch in der Bach-Kantate „Herkules auf dem Scheidewege“ fällt der „Chor der Musen“ nicht sonderlich ins Gewicht. Diese beiden weltlichen Kantaten gehören, zumindest in Köln, nicht zu den Repertoire-Stücken im Konzertsaal. Bachs thematisch etwas absonderlicher Kantate vom reumütigen Herkules würde man wegen ihrer gesammelten musikalischen Kraft gern öfter begegnen. Doch Telemanns ausgedehnte „Tageszeiten“ strapazieren den heutigen Hörer zeitlich über Gebühr. Da kann auch die Mühe des Dirigenten um Konzentration und Geschlossenheit nicht allzuviel ausrichten. Neben dem von Kurt Thomas sorgfältig geführten Bach-Orchester waren es vor allem die Gesangssolisten, die dem Abend ihr Gepräge gaben. Mit ebensoviel Kraft wie Anmut setzte Ursula Buckel ihren tragfähigen Sopran ein. Warmherzig und nobel gestaltete Eva Bornemann die Alt-Partien. Ein biegsamer, wohllautend weicher Tenor von großer Ausdrucksintensität: Theo Altmeyer. Persönlich gefärbt, doch ohne die nötige Klangfülle sang William Reimer die Baßpartien.

Erwähnt sei auch das sorgfältig abgestimmte Spiel der Instrumentalsolisten, des Geigers Franz Zimmermann, der Bratschisten Werner Sattel und Karlheinz Hofmann, der Flötisten Willy Schwegler und Fritz Koppenhöfer, des Oboisten Friedrich Krebs und der Hornisten Paul Raspe und Kurt Stein sowie Hans Plümacher (Cello), Emil Morneweg (Kontrabaß) und Annemarie Bohne (Cembalo), welche mit Präzision die Continuo-Partien versahen. [erschienen in: Kölner Stadtanzeiger, 10.06.1964]



"Langweiliger Telemann"

Abschlußkonzerte der beiden Oratorienchöre

[Norbert Stich] - Zum Abschluß dieser Konzertzeit wollten die beiden renommierten Oratorienchöre Kölns mit besonderen Dingen aufwarten. Beim Philharmonischen Chor war man besser beraten, weil Honeggers symphonischer Psalm König David wirklich von Interesse ist, auch ds Brucknerianische Te Deum von Zoltán Kodály verdiente einmal aufgeführt zu werden. Der Bach-Verein, der für Barockmusik werben möchte, erreichte das Gegenteil.

Gegen das „Drama per musica“ Herkules am Scheidewege, das Joh. Seb. Bach für den 12. Geburtstag des schwächlichen Kurprinzen Friedrich von Sachsen-Anhalt komponierte, sei nichts eingewendet, wenngleich man das Gefühl nicht los wird, einem Potpourri aus dem Weihnachtsoratorium zuzuhören. Was aber hatten sich die Veranstalter gedacht, als sie sich vornahmen, ihr Publikum mit der Kantate „Die vier Tageszeiten“ von Telemann zu langweilen. Eine Stunde lang Eintönigkeit ohne Möglichkeit der Gegenwehr. Selbst gute Solisten und der Chor des Bach-Vereins, dem im übrigen nicht allzu viel abverlangt wurde, konnten die lahme Krähe nicht zum Hüpfen bewegen. Von nun an mag das Opus getrost in Archiven schlummern …. [erschienen in: Neue Rhein-Zeitung, 12.06.1964]




Konzert vom 04.03.1964
Konzerte Dezember 1964