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[Felix Gutschmidt] - Bonn/Berlin. Still verfolgt Evelina Merová das Treiben auf der Bühne. Die 80-jährige sitzt alleine in der langen Stuhlreihe im großen Saal der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin. Ihr Gesicht zeigt keinerlei Regung. Auf der anderen Seite des Raumes hat Anna Flachová, genannt Flaska, Platz genommen, ein Wirbelwind von einem Mensch. Herzlich, fröhlich, aufgeschlossen. Die beiden Frauen sehen zu, wie eine Schülergruppe aus Bonn ein letztes Mal die Szenen einer Oper probt, in denen sie zu den Hauptfiguren zählen. "Die Mädchen von Theresienstadt" skizziert das Leben im berüchtigten Konzentrationslager. 60 Kinder lebten im Zimmer 28. Evelina Merová, Flaska und weitere 13 Mädchen haben überlebt.
Als das Bonner Ensemble am Vortag in den ICE 950 nach Berlin steigt, ist die Freude der 20 Mitglieder greifbar. Für die Solisten des Jugendchores der Evangelischen Lukaskirche im Alter von zwölf bis 16 Jahren gleicht, nach mehreren Aufführungen in Bonn, das Gastspiel in Berlin einer Klassenfahrt. Leonie Knöppel, Charlotte Bennemann und Fabiana Chavet vertreiben sich die Zeit mit Kartenspielen und den Hunger mit Schokoladenkeksen. Andere wälzen Klatschmagazine, spielen mit dem Handy oder quatschen. Kurzum: Es herrscht ein fröhliches Durcheinander. Die bevorstehende Aufführung in der Landesvertretung scheint für alle Beteiligten weit weg zu sein. Auch wenn sich die Jugendlichen seit Beginn der Proben im September 2009 intensiv mit dem Schicksal der in Theresienstadt inhaftierten Mädchen auseinandergesetzt haben, bleibt der Schrecken des Holocaust ein Eintrag im Geschichtsbuch. Poppinka ist für die 15 Jahre alte Leonie vor allem eine Figur, der sie ihr Gesicht und ihre Stimme gibt. Daran änderte auch die Lektüre der Dokumentation "Die Mädchen von Hannelore Brenner-Wonschick nichts, die Kerstin Baldauf als Vorlage für das Librettto nutzte. "Ich komme drei Mal vor, dann bin ich tot", sagt Leonie leichthin.
Dann passiert es: Als Evelina Merová und Anna Flachvová am Morgen des Tages des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus die Generalprobe besuchen, wird Geschichte lebendig. Flaska umarmt alle Mädchen, küsst ihre Stirn, und nicht nur Victoria Graham und Sofia von Freydorf, die auf der Bühne Flaska und Eva spielen - alle begreifen spontan mit Herz und Verstand, worum es in der Oper geht: Um das Schicksal von Menschen und Leid, das bis heute andauert. Auch im Orchester, das sich in der Vorbereitung vornehmlich darum bemüht hatte, den Ansprüchen von Komponist David Paul Graham gerecht zu werden, macht sich Nervosität breit. Sogar Dirigent Thomas Neuhoff vom Philharmonischen Chor Bonn kommt aus dem Takt, dabei kennt er jede Note.
Flaska kommt schnell mit den Jugendlichen ins Gespräch. Spontan pickt sie sich einige Sängerinnen heraus, um ihnen letzte Tipps für die Aufführung zu geben. Sie war Professorin für Klavier und Gesang am Konservatorium in Brünn, stand in Sidney, Beirut oder Peking auf der Bühne. Sie lobt und lacht viel. Die Mädchen strahlen und sind in jeder Hinsicht beeindruckt. Dann zeigt sie ihr Poesiealbum mit den Einträgen aus Theresienstadt und den Judenstern, den sie tragen musste. Die Jugendlichen streichen mit der Hand über den gelben Stoff, als wollten sie sich vergewissern, dass dies kein Traum ist.
Als die Aufführung am Abend näherrückt, sucht jedes Ensemblemitglied für sich nach Wegen, mit der Anspannung umzugehen. Cellist Philipp Graham spielt sich stundenlang ein. Das hat er bei den vorangegangenen Aufführungen in dieser Intensität nie getan. Akkordeonspieler Alexander Pankow wundert sich selbst, wie aufgewühlt er ist. "Vielleicht werde ich sentimental", meint er und versucht zu lächeln. Schlagzeuger Stefan Schwebig tigert rastlos durch das Foyer. Pianist James Maddox bereitet sich mit den jungen Solisten in der Garderobe vor. Einige hundert Zuschauer in der Landesvertretung wären alleine kein Grund zur Unruhe. Aber in Gegenwart der Zeitzeugen muss sich die Oper mit der Realität messen lassen. Fast alle Mädchen haben Tränen in den Augen, als die Aufführung beginnt. Doch keine lässt scih von der Nervosität überwältigen. Mit fester Stimme singen sie auch schwierige Passagen fehlerfrei. Der Applaus am Ende zeugt von Respekt und Rührung.
Thomas Neuhoff ist überwältigt von der Wucht der Inszenierung. "Ich bin so stolz auf euch", ruft er seinen Schützlingen zu. Evelina Merová bedankt sich bei allen. Die jungen Leute lassen sich von ihr Widmungen in Bücher und Programmhefte schreiben. Diesen Tag werden sie nie vergessen. [Erschienen in: Bonner General-Anzeiger, 3. Februar 2011]
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