PRESSE-ECHO
"Kraft aus dem Alten geschöpft"

[Reinhard Kriechbaur] – Zwei Werke aus unserem Jahrhundert, in denen das Alte Ausgangspunkt ist für beispielhaftes Neues, begleitet von einem alten Werk, das – ebenfalls (in diesem Fall textlich) auf Uraltem fußend – zu seiner Zeit von bahnbrechendem Geist kündete: Das war die ebenso überlegte wie sich dem Zuhörer unmittelbar erschließende Programmkonzeption für das Festspiel Kirchenkonzert am Mittwoch mit dem Ensemble Köln und dem Chor des Kölner Bach-Vereins ...
Englische Quellen aus dem 15. und 16. Jahrhundert hat Strawinsky die Text für seine "Cantata" aus den frühen fünfziger Jahren entnommen. Sie ist von der Konzeption her eine kompromißlose "Abrechnung" mit alten Formen und kompositorischen Absichten, wie sie Strawinsky beispielsweise in "The Rake's Progress" in eben dieser Zeit vertreten hat ... Die beiden Kölner Ensembles, in diesem Fall vor allem die von Robert HP Platz zu vorbildlich schlank geführtem Musizieren angeleiteten Instrumentalisten, haben den akustischen Wahrheitsbeweis angetreten, daß hinter der Fassade aus scheinbarer Einförmigkeit eine komplexe Architektur aufzustöbern ist. Und die läßt sich – den Ausführenden sei's gedankt – selbst in der halligen Universitätskirche so plastisch modellieren, daß Gedanken an "Musica riservata" gar nicht erst aufkommen ...
Was das zweite zeitgenössische Werk betrifft, Klaus Hubers "Cantiones de Circulo Gyrante", gebe ich zu, daß Meditation meine Sache nicht ist, ich mich mit der weitgespannten formalen Anlage, der textlichen Aufsplitterung Böll’scher Lyrik ("Versunken ist die Stadt") nicht so recht anfreunden konnte. Was mich ungeachtet dessen beeindruckt hat: der wohlklingende Chorsatz, der an die Schule Hugo Distlers hat denken lassen, das bruchlose Einweben heutiger Lyrik in einen Text-Teppich aus den "Scivias" der Hildegard von Bingen. Das Werk lebt von Raumklängen, die man im Mittelschiff der Kirche ganz anders empfunden haben mag als ich von meinem Platz im rechten Seitenschiff aus... Zwei verschieden starke Chorteile auf der Empore und im Altarraum, im Vierungszentrum ein Schlagzeuger, einzelne Musiker in den Seitenkapellen, gedämpft hinter Vorhängen – das Ergebnis ist ein pointillistisch aufgelockertes durch die vokalen Beiträge verbundenes Klanggefüge.
Die "Auflockerung" nur am Rand erwähnt: Heinrich Schütz' doppelchöriges "Deutsches Magnificat" wurde vom Kölner Bach-Verein (Leitung: Christian Collum) mit viel Wissen um historische Lesarten wiedergegeben, überzeugender in der Phrasierung als im vokalen Prunk, der in deisem Stück durchaus auch zu seinem Recht kommen dürfte. Viele Zuhörer haben leider das Ende der meditativen "Cantiones" nicht mehr miterlebt.
[erschienen in: Salzburger Nachrichten, 14.08.1987]



"Versunken die Stadt"

[Lj] – Die Kirchenkonzerte zählen heuer zu den interessantesten Konzerten der Salzburger Festspiele. Am Mittwoch Abend führten die Dirigenten Christian Collum mit dem Chor des Kölner Bach-Vereins und Robert H.P Platz mit dem Ensemble Köln Werke von Igor Strawinsky, Heinrich Schütz und Klaus Huber auf. Die Spannung zwischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, dazu die unerbittliche Spannung der Wiedergabe übten eine Wirkung aus, auf die kaum jemand gefaßt war. Leider blieben in der Universitätskirche viele Plätze leer, die konservative Einstellung des Publikums ist nur mit äußerster Mühe zu überwinden.
Die Kölner überzeugten vollends von den engen Beziehungen der Komponisten unserer Tage zu dem großen Meister Schütz und noch weiter zurück zu den Wurzeln christlichabendländischer Musik. Die "Cantata", die Strawinsky in den Jahren 1951/52 auf anonyme englische Texte aus dem 15. und 16. Jahrhundert für Sopran, Tenor, Frauenchor und ein fünfstimmiges Instrumentalensemble komponiert hat, erinnert an mittelalterliche Klagegesänge ... Das "Deutsche Magnificat", nach dem Titel eines Dresdner Druckes vielleicht die letzte Komposition von Heinrich Schütz, ist eine Evangelienmotette für zwei vierstimmige Chöre. In diesem Spätwerk hat Schütz die venezianische Mehrchörigkeit noch einmal aufgegriffen, die er während seines Studiums bei Gabrieli kennengelernt hatte. Der Chor des Kölner Bach-Vereins zeigte alle Vorzüge des überragenden Musikers Schütz, der, wie es im Kommentar zur Neuausgabe heißt, "wie kein anderer das Wort der Luther Bibel musikalisch so gestaltete, daß es mit höchster Eindringlichkeit zu uns spricht und unserm Verständnis neu erschlossen wird."
Erschütternd die Rückkehr in das 20. Jahrhundert, in das "Jahr der romanischen Kirchen", deren Restaurierung vierzig Jahre nach Kriegsende in Deutschland weitgehend beendet war. Aus diesem Anlaß schrieb der 1924 geborene Komponist Klaus Huber im Auftrag des Kölner Bach-Vereins seine "Cantiones de Circulo Gyrante" auf Texte der Mysterikerin Hildegard von Bingen und Gedichtfragment von Heinrich Böll. Bei dieser Raummusik für eine Chorgruppe ..., zwei Ensemblegruppen ... und fünf Einzelmusiker waren die Mitwirkenden auf den ganzen Kirchenraum verteilt ... Die lateinisch gesungenen Visionen von menschlicher Hoffnung der Hildegard von Bingen und als polare Ergänzung das schauerliche Bild des Gedichtes "Versunken die Stadt" von Heinrich Böll ließen alle Schrecken unserer jüngsten Vergangenheit wieder aufleben. Sowohl die sprachliche Aussage als auch die Klangereignisse auf verschiedenen Ebenen fügten sich zu einem erregenden Eindruck. Nach dem letzten verschwebenden Ton verweilten die Besucher in stiller Betroffenheit, ehe sie den hervorragenden Sängern und Musikern ajus Köln den gebührenden Dank abstatteten.
[erschienen in: Salzburger Volksblatt, 14.08.1987]



"Versuche, das Unfassbare zu fassen"

Das Kirchenkonzert vom 12. August brachte das von Robert H.P. Platz geleitete instrumentale Ensemble Köln und den unter der Leitung von Christian Collum stehenden Chor des Kölner Bach-Vereins in der Universitätskirche, wo sie durch makellose Erfassung des Werkgeists geprägte Darstellungen von Strawinskys Cantata von 1952 und von Heinrich Schütz' zweichörigem "Deutschem Magnificat" SWV 494, seinem letzten Chorwerk, gaben. Die gleichen Ausführenden übertrugen dann jene "Cantiones de Circulo Gyrante" in diese barocke Kirche, die Klaus Huber im Auftrag des Kölner Bach-Vereins für das "Jahr der romanischen Kirchen" geschrieben hatte und die mit ihrem der Mysterikerin Hildegard von Bingen entlehnten Titel 1985 in einer der seit dem Krieg wiederhergestellten Kölner romanischen Kirchen uraufgeführt worden waren.
Dieses mit eindrucksvollem Ernst und einer herrlichen Klangphantasie komponierte Werk ist in dem Sinne ausgesprochene Raummusik, dass Huber verschiedene Klangquellen an bestimmten Orten der von ihm ausgewählten Kirche postiert, ja die räumlichen Distanzen in der Disposition der Musik einberechnet hat ... Die Konzeption ist aus dem Schicksal der Kirchen Kölns hervorgegangen. Die Salzburger Wiedergabe konnte also keine blosse Wiederaufführung, musste vielmehr eine Übernahme mit allen Konsequenzen neuer Raum- und Akustikverhältnisse sein.
Die Aufgabe ist teilweise gelungen. Statt der Seitenapsiden der Kölner Kirche besitzt die Salzburger Universitätskirche ein Querschiff. Der Lettner konnte benützt, die Einzelspieler konnten sinnvoll verteilt werden. Insgesamt hat die Kirche aber noch einen Nachhall von sieben Sekunden, was für Musik aller Stille zuviel ist ... Durch das lange Verhallen wurden die Agressionen der Böll-Gruppe verzögert, gingen die anderen Klangquellen oft in ein gemeinsames Klangvolumen ein, dessen Herkunft und Richtung nicht mehr genau bestimmbar war: Als Resultat sind die meditativen Züge verstärkt worden. Es mögen sich einzelne Hörer der Suggestivkraft der Musik in diesem Raum entzogen haben – ein wütender Herausgeber sprach vom "Prokustesbett" dieser Musik -, sie war doch gesamthaft sehr hoch.
[erschienen in: Neue Züricher Zeitung, 19.08.1987]




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